[Fragged Empire] Kulturelle Spannung in der Post-Post-Apokalypse

Gestern erhielt ich als Unterstützer des Crowdfundings weitere PDF-Dateien zu Fragged Empire: 3 Abenteuer, sowie das Antagonisten-Archiv. Eigentlich wollte ich ja erst ausgiebig das Regelwerk lesen, bevor ich mich z.B. an die Abenteuer ran mache – als ich die Dateien dann aber hatte konnte ich mich natürlich nicht zurückhalten und musste schon mal reinschauen. Zu den Inhalten der 45- bzw. 46-seitigen Abenteuer will ich an der Stelle noch gar nicht zuviel verraten – nach der Hälfte des ersten Einstiegsabenteuers Lass schlafende Götter ruhen habe ich aber auf jeden Fall große Lust das Abenteuer zu spielen. Interessant finde ich, dass vorgefertigte Spielercharaktere einer vierköpfigen Crew im Abenteuer enthalten sind, mit denen man direkt loslegen könnte – insofern man keine individuelleren Charaktere erschaffen möchte. Beim Vorbereiten des Abenteuers gibt das natürlich eine zusätzliche Hilfe um sich gewisse Spielszenen anhand der vorgefertigten und in der Story direkt erwähnten Charaktere besser vorzustellen. Zum Anderen sehe ich hier aber auch eine gewisse Gefahr, dass sich im Kopf des Spielleiters ein zu starres Bild ergibt und eventuell versucht wird die Spieler zu stark in die „vorgegebenen Rollen“ zu zwängen. Das sollte man sich als Spielleiter bewusst machen. Die Crew des ersten Abenteuers führt ihre Reise übrigens im zweiten Abenteuer Genetische Phantome fort – im dritten Abenteuer Die fremde Flamme kommt eine neue Crew ins Spiel, welche aus den neuen Völkern besteht, die mit dem Protagonisten-Archiv spielbar werden.

Und da bin ich schon bei einem der wichtigsten thematischen Punkte bei Fragged Empire: die unterschiedlichen (spielbaren) Spezies und ihre Beziehungen zueinander – auf die ich in diesem Post näher eingehen möchte, denn diese sind weitaus mehr als nur eine Attribute-bestimmende Entscheidung bei der Charaktererschaffung.

In einer Galaxie weit weit entfernt…

Bevor die 4 Spezies, die durch das Grundregelwerk spielbar sind, auf den Plan traten gab es eine antike Spezies, die das Universum stark prägte und seit mehreren tausend Jahren ausgestorben ist: Die Menschheit! Woah! Ja, in Fragged Empire gibt es die Menschen nur noch als verzerrtes Bild, als Überbleibsel einer längst vergangenen Hochkultur. Die Technologie der Menschen war unglaublich hochentwickelt, sie erschufen die Ley-Linien (für schnelle Reisen durchs Weltall), waren Meister der Genetik und…stagnierten in ihrer Entwicklung: Genetische Erosion – also genetische Verarmung / der Verlust genetischer Vielfalt – führte zum milliardenfachen Aussterben der Menschen. Die von den Menschen in ihrer Verzweiflung genetisch erzeugte Spezies „die Archonten“ sollte das Erbe der Menschheit antreten – doch diese hatten andere Pläne vor Augen als die Geschichte und Errungenschaften ihrer Schöpfer wieder zu entdecken: sie wollten das geerbte Universum mit ihren eigenen vielfältigen genetisch erschaffenen Schöpfungen neu bevölkern. Klingt erstmal nach einem tollen Plan, Vielfalt im Universum zu verbreiten, oder? Darum ging es den Archonten aber nicht wirklich – ihr Ehrgeiz trieb sie 3000 Jahre lang an die eine perfekte Spezies zu erschaffen. Hunderte „fehlgeschlagene“ Spezies (z.B. Vargarti) wurden auf unterschiedliche Planeten und Sternensysteme „ausgelagert“, streng überwacht, per Geburtenkontrolle in Zaum gehalten, etc. – immerhin begannen die Archonten keinen großangelegten Völkermord, zumindest nach den bekannten Überlieferungen – und nur wenige Spezies (z.B. Kaltoraner) konnten etwas Gunst von ihren Schöpfern erwarten.

Die perfekte Spezies und der Große Krieg

Vor Hunderten Jahren waren die Archonten davon überzeugt endlich eine würdige und perfekte Spezies erschaffen zu haben und gaben ihr den Namen „X’ion“. Doch noch bevor den X’ion ihre Welt zugewiesen wurde, änderten die Archonten ihre Meinung wieder – sehr zum Unmut der neu erschaffenen aber zahlenmäßig schwach vertretenen X’ion. Nach brutalem Gemetzel waren die Archonten als Sieger aus dem Kampf gegangen und alle X’ion waren ausgelöscht…alle bis auf eines, das fliehen konnte. (Irgendwie muss ich hierbei auch immer ein wenig an „Aliens: Die Wiedergeburt“ denken – ein genetisch optimiertes Geschöpf dass sich gegen seine „unterlegenen“ Schöpfer wendet.) Die Archonten verfolgten das in den unbekannten Raum geflohene Geschöpf viele Jahre lang. Ihre eigene Kultur zersplitterte zusehends aufgrund unterschiedlicher Ansichten über die vielen erschaffenen Spezies, ihren Wert und auch die Moral genetischer Projekte.

Irgendwann kehrte das überlebende X’ion in den bekannten Raum zurück – als Anführer einer genetisch erschaffenen Armee von Kriegern – die Nephilim, deren gesamte Existenz nur auf einen Zweck ausgelegt war: die restlose Vernichtung aller Archonten! Der große 6 Jahre andauernde X’ionkrieg war ein brutales Abschlachten und unvergleichliches Gemetzel. Den lebenden organischen Raumschiffen und biologischen Waffen der Nephilim war kaum etwas entgegen zu setzen. Die von den Archonten eilig ebenfalls rein für den Kampf erschaffene Spezies „Legion“ konnte das Schicksal der Archonten nicht mehr aufhalten und so starb auch der letzte Archont, der letzte Erbe der Menschen, durch die Hand der Nephilim. Nachdem die Archonten ausgelöscht waren, verschwand das letzte X’ion und lies seine Kinder zurück. Der Krieg zwischen der Legion und den Nephilim dauerte noch ein paar Jahre an – schließlich wurden die Kampfhandlungen eingestellt, denn es gab keinen Archonten mehr zu töten oder zu beschützen.

Zeitalter der Dunkelheit

Der große Krieg hat das bekannte Universum in ein dunkles Zeitalter gestoßen. Nicht nur die zwei für den Krieg erschaffenen Völker, die durch ihre Kämpfe zahlreiche Welten zerstörten, standen vor den Trümmern des Krieges und den angerichteten irreparablen Schäden. Ohne Raumfahrt und Technologie verfielen die von den Archonten geschaffenen Völker in knapp hundert Jahre Isolation. Erst vor wenigen Jahren entdeckten die Vargarti – die sich fortan Corporation nennen – wieder die Raumfahrt und besiedelten das Refugium-System. Es kam zu einem Handelsabkommen zwischen der Corporation und den Nephilim, irgendwann bereisten auch die Kaltoraner wieder den Weltraum und auch die Legion trat in ein Wirtschaftsabkommen mit der Corporation.

Drei der überlebenden Archonten-Schöpfungen, sowie die Vernichter der Archonten, die sich nach dem Zeitalter der Dunkelheit neu kennen lernen und sich arrangieren müssen um zu überleben! Und genau zu diesem Zeitpunkt beginnt Fragged Empire – deswegen auch Post-Post-Apokalypse (also nicht unmittelbar nach einer Katastrophe).

Vorurteile und kulturelle Spannungen

Ein großer Aspekt dieses Rollenspiels baut auf den Konflikten zwischen den unterschiedlichen Spezies auf – das wird auch in den Abenteuern klar. Ich habe bei weitem noch nicht alles an Material gelesen, kann eines aber schon recht sicher sagen: Auch wenn es theoretisch möglich ist mit einer Spielgruppe eine Söldnergruppe aus 4 Legionären darzustellen oder eine Handelscrew aus 4 Corps zu spielen – richtig Spaß am Spieltisch wird erst dann aufkommen, wenn die unterschiedlichen Spezies mit ihren Ecken und Kanten, mit ihren Vorurteilen und Sticheleien gemeinsam Abenteuer bestehen müssen. Dann, wenn die gespielten Charaktere – die sich „nicht leiden können“ – einsehen, dass sie einander zum Überleben brauchen.

Die spielbaren Spezies

Mit dem Fragged Empire Grundregelwerk gibt es vier spielbare Spezies, die natürlich teilweise etwas klischeehaft wirken aber dennoch einen perfekten Einstieg für eine bunte Heldengruppe bieten. Der zweite englische Kickstarter ermöglichte unter anderem das „Protagonisten-Archiv“ – welches auch im deutschen Ulisses-Crowdfunding finanziert wurde: darin werden vier neue spielbaren Völker eingeführt – dazu gibt es in Zukunft bestimmt einen separaten Beitrag.

Hier möchte ich mich noch kurz auf die Spezies des Regelbuchs beziehen und die Verbindungen zueinander aufzeigen.

Fragged Empire - Beziehungen der vier Spezies

Kaltoraner

Auch wenn Vergleiche zu anderen Universen vielleicht nicht fair sind, mache ich sie trotzdem :-): bei Kaltoranern muss ich an Halbelfen denken – gewandte Halbelfen mit vier (!) spitzen Ohren und guten Reflexen. Oder auch an Han Solo – Schurken & Abenteurer, mit guten mechanischen Fertigkeiten, die sich auch ohne Probleme die Hände schmutzig machen. Sie erinnern mich aber auch etwas an die Na’vi (aus dem Film Avatar) – jeder Kaltoraner hat genetisch vererbte Erinnerungen seiner Vorfahren, was durchaus Vorteile haben kann aber auch Nachteile, wenn man an ungewollte „Flashbacks“ denkt. Die vielfältigen Kaltoraner sind vermutlich für die meisten Spieler auf den ersten Blick das sympathischste Volk. Die tapferen, mutigen, quirligen Rebellen, für die Werte wie Familie und Freundschaft groß geschrieben werden. Interessanterweise haben sie (bezogen auf die vier Spezies) jedoch die meisten Vorurteile gegenüber ihren nicht-kaltoranischen Mitstreitern.

Corporation

Die Vargarti legten sich den Namen „Corporation“ zu und repräsentieren vielmehr eine gigantische kapitalistische Organisation als eine Spezies. Vom Aussehen ähneln sie am ehesten den Menschen: Anzug tragende Geschäftsmänner, bei denen der eigene persönliche Erfolg, soziale Macht und materieller Besitz an oberster Stelle stehen. Sie waren die ersten, die wieder den Weltraum bereisten und sind irgendwie auch diejenigen – die, zwar angestrebt aus zutiefst kapitalistischen Gründen, die anderen Spezies zumindest zu einer Zweckgemeinschaft wiedervereinen. Jede der anderen drei Spezies hat ihren Nutzen in dieser Konstellation für die Corporation – lediglich die Kaltoraner sind etwas lästig.

Legion

Die Soldaten. Die Tanks. Die Kampfschweine jeder Truppe, die in erster Reihe stehen, wenn es zur Sache geht. Die Leute fürs Grobe – die auch einfach mal durch eine Wand laufen, mitsamt ihrer großen Wumme und geschützt von starker Panzerung. Ein Legionär ist wohl für jede Truppe eine Bereicherung für alle Kampfsituationen. Die Legion ist aber auch spielerisch gesehen mehr als nur ein großer und stumpfer Krieger (oder ebenso starke Kriegerin). Pflicht, Respekt und Können definieren das Leben eines Legionärs – was auch zu Situationen am Spieltisch führen kann, in denen der Spieler genau weiß, dass das wie sein Charakter aufgrund seiner militärischen Ausbildung und Einstellung reagieren muss, ggf. sehr schlechte Auswirkungen auf ihn und seine Crew haben wird. Ein Charakter der Legion ist jemand – auf den man sich verlassen kann. Ein Kumpel. Mit einer großen Waffe…oder zwei.

Nephilim

Die zur Auslöschung der Archonten geschaffenen Nachkommen X’ions, die Nephilim, haben wohl das schwierigste Los – bezogen auf ihr allgemeines Ansehen. Sie sind ein Teil dieser sich neu formenden Zivilisation – müssen aber mit starken Vorurteilen seitens der Kaltoraner und der Legion leben. Okay, das scheint sie aber nicht wirklich zu stören, sie sind wohl zu intelligent oder andersartig genug um „darüber zu stehen“ – eines haben sie trotzdem eingesehen: Ohne die anderen Spezies ist ihre auf Krieg und Vernichtung ausgelegte Existenz nicht überlebensfähig. Dem Spieler steht es offen einen reinblütigen Nephilim (was dann eher einem, auch nach eigenen Wünschen anpassbaren, großen animalischen Kriegsungeheuer ähnelt), einen Hybrid aus reinblütigem Nephilim und einem anderen Volk (?) oder einen Vertreter der relativ neu erschaffenen humanoiden Nephilim-Botschafter zu spielen. Letzteres wird wohl die Standardwahl sein, mit der man sich am ehesten identifizieren kann. Die Kultur ist sehr vielfältig und andersartig. Wissenschaft und Forschung – das Streben nach genetischer Perfektion – zudem ein hoher Intellekt und ausgeprägte Instinkte treiben einen Nephilim an und machen ihn zu einem interessanten, wenngleich etwas unberechenbaren, Charakter. Zielgerichtet und abweisend – ein bißchen wie ein Vulkanier – nur vieeeeel gefährlicher und wilder!


Wie findet ihr die Hintergrundgeschichte von Fragged Empire? Teilt ihr meine Meinung, dass eine Crew am besten aus den unterschiedlichen Spezies bestehen sollte um die kulturellen Spannungen nicht nur gegenüber NSCs auszutragen? Welche Spezies interessiert euch als Spieler am meisten? Schreibt es mir in die Kommentare!

Euer Fethz

Teilen macht Freu(n)de...Share on Facebook
Facebook
Share on Google+
Google+
Tweet about this on Twitter
Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.